Foto: Hauptarchiv Stuttgart

Unerschrocken für die Weltrevolution - die KPD-Widerstandsgruppe Köngen 1934/35 

Herzliche Einladung

zum Vortrag von Dr. STEFFEN SEISCHAB am Mittwoch, 15. April 2026 um 19.30 Uhr im Sitzungssaal der Zehntscheuer

Neben dem christlichen Widerstand um Pfarrer Eugen Stöffler war Köngen auch ein Zentrum des kommunistischen Untergrundkampfes gegen die Nazi-Diktatur. In den Jahren 1934 und 1935 verteilte die „Widerstandsgruppe Köngen“ unter hohem persönlichem Risiko verdeckt regimekritische Literatur im mittleren Neckartal – bis ihre Mitglieder enttarnt und ab Mai 1935 verhaftet wurden. Einige mussten bis Kriegsende 1945 warten, bis sie wieder in Freiheit kamen, andere starben in der Haft, wieder andere wurden nach ein paar Jahren freigelassen. Junge Menschen riskierten hier im Kampf gegen die Nazi-Barbarei Kopf und Kragen. Der Vortrag zeigt die Hintergründe der kommunistischen Untergrundarbeit in Köngen, die Enttarnung und Verurteilung der Gruppe sowie die weiteren Schicksale ihrer Mitglieder auf.

Dr. Steffen Seischab hat im Köngener Buch zum 950-jährigen Ortsjubiläum den Beitrag „Der Große Graben – Köngen in den Jahren 1918/19 bis 1948/49“ verantwortet.

 

Ein Bericht von Astrid Schlupp-Melchinger zu dem Vortrag von Dr. Steffen Seischab und  Möglichkeiten zur Recherche über dieses Thema:

Widerstand im Dritten Reich – der kommunistische Untergrundkampf in Köngen

Dr. Steffen Seischab, einer der Autoren des Jubiläumsbandes zur Köngener Geschichte, gab bei seinem Vortrag am vergangenen Mittwoch einen Überblick zu dieser bislang wenig bekannten Thematik.  Im Sitzungssaal der Zehntscheuer fanden sich rund 45  Interessierte zusammen.

Neben dem christlichen Widerstand um Pfarrer Eugen Stöffler war Köngen auch ein Zentrum des kommunistischen Untergrundkampfes gegen die Nazi-Diktatur. Doch wie kam es dazu?

Durch die Industrialisierung im Neckartal veränderte sich auch das gesellschaftliche Leben in Köngen. Aus Kleinbauern wurden Arbeiter, die in den großen Fabriken von Daimler bis zur Maschinenfabrik Esslingen ihr Geld verdienten und nur noch im Nebenerwerb landwirtschaftlich tätig waren.  Es entstand eine Blockbildung zwischen dem bürgerlichen Lager und der Arbeiterschaft, die im Köngen der 1920er und 1930er Jahre ohne große Berührung miteinander lebten.

Zwei Musikvereine und zwei Sportvereine entsprechend unterschiedlicher Prägung dokumentieren diese Entwicklung. In den großen Firmen agitierten die Kommunisten sehr erfolgreich. 170 kommunistische Parteigänger zählte man allein im kleinen Köngen. Hinzu kamen rund 100 Paramilitärs. Die kommunistischen Gruppen waren stark im Widerstand, da sie sehr gut organisiert waren. Man rüstete sich für einen erwarteten Bürgerkrieg, an dessen Ende die Weltrevolution stehen sollte. In den Jahren 1934 und 1935 verteilte die „Widerstandsgruppe Köngen“ unter hohem persönlichem Risiko verdeckt regimekritische Literatur im mittleren Neckartal. Bereits im März 1933 wurden erste Mitglieder direkt aus einer Gesangsprobe heraus verhaftet. Obwohl die Kommunisten ein großes Schreckgespenst für die bürgerlichen Parteigänger waren, gab es große Empörung am Ort angesichts der Verhaftungen, die ab 1935 in langen Haftstrafen in Zuchthaus und zumeist anschließendem KZ endeten.

Nach der Nazi-Barbarei hofften viele kommunistische Parteigänger auf eine radikale Wende. Doch 1947/48 beginnt der Kalte Krieg, die DDR formiert sich und kommunistisches Gedankengut geriet in Verruf.  Daher wurde auch über diesen Widerstand wenig berichtet.

Eine Wiedergutmachung für die Inhaftierung war ab 1956 möglich. Die Häftlinge klagten über diverse Traumata, psychische Folter bis hinzu Erfrierungen, und Folgen wie Vergesslichkeit oder Albträume. Dr. Steffen Seischab regte an, hier in Köngen weiter zu recherchieren. Es gäbe noch viel Material und Lebensgeschichten zu entdecken, sagte er: „Ich habe nur an der Oberfläche gekratzt.“ Der Historiker bot an, im Rahmen seiner Möglichkeiten Hilfestellung zu leisten. Bei der Diskussionsrunde war Interesse spürbar. Wir werden in der kommenden Woche weiter dazu berichten.

Einladung zur Recherche – Kommunistischer Widerstand in Köngen

Der Vortrag von Dr. Steffen Seischab am 15. April hat viele Besucher bewegt. Herr Seischab hat uns folgende Handreichungen übermittelt, wie bei persönlichem Interesse eine Recherche möglich und sinnvoll ist. Hier sind seine Tipps:

Wie recherchiere ich zu in der NS-Zeit in Haft gewesenen Kommunisten und anderen Widerständlern?

  1. Im Internet in der Häftlingsdatenbank des DZOK Ulm nachschauen. Dort sind Personen erfasst, die entweder im KZ Heuberg oder im KZ Oberer Kuhberg Ulm oder im KZ Gotteszell (Frauen) einsaßen. Achtung: die DZOK-Datenbank ist weder vollständig noch in allen Details korrekt. Aber eine erste Anlaufstelle, und am Ende des Eintrags sind auch zu den jeweiligen Personen bekannte Quellen und Literaturangaben zusammengestellt.
  2. Im Staatsarchiv Ludwigsburg nachfragen. Dort liegen z.B. die Akten der Wiedergutmachungsanträge, die vom Nationalsozialismus Verfolgte in den 1950er oder 1960er Jahren gestellt haben. Mit etwas Glück kann man dort auch Häftlingsakten aus württembergischen Strafanstalten (zum Beispiel Ludwigsburg oder Hohenasperg) finden. Diese Überlieferung ist aber lückenhaft, da wurde viel vernichtet. Dort vorhanden sind auch manche Prozessakten, z.B diejenigen des großen Sammelprozesses gegen die sogenannte Widerstandsgruppe Köngen 1934/35 vor dem OLG Stuttgart mit Urteil vom 2. Februar 1937. Aber viele andere Prozessakten gibt es nicht mehr. Trotzdem danach fragen. Bei einem Besuch alle vorhandenen Infos und Dokumente mitnehmen.
  3. Bei den Gedenkstätten der jeweiligen KZs anfragen, in denen der Betroffene inhaftiert war. Die haben jeweils ein eigenes Archiv und mitunter auch eine online gestellte Häftlingsdatenbank wie das DZOK Ulm. Keine Gedenkstätte gibt es zum KZ Welzheim. Die KZs Heuberg und Gotteszell werden vom DZOK Ulm mitbetreut.
  4. Im Internet in der Häftlingsdatenbank des DZOK Ulm nachschauen. Dort sind Personen erfasst, die entweder im KZ Heuberg oder im KZ Oberer Kuhberg Ulm oder im KZ Gotteszell (Frauen) einsaßen. Achtung: die DZOK-Datenbank ist weder vollständig noch in allen Details korrekt. Aber eine erste Anlaufstelle, und am Ende des Eintrags sind auch zu den jeweiligen Personen bekannte Quellen und Literaturangaben zusammengestellt.
  5. Im Staatsarchiv Ludwigsburg nachfragen. Dort liegen z.B. die Akten der Wiedergutmachungsanträge, die vom Nationalsozialismus Verfolgte in den 1950er oder 1960er Jahren gestellt haben. Mit etwas Glück kann man dort auch Häftlingsakten aus württembergischen Strafanstalten (zum Beispiel Ludwigsburg oder Hohenasperg) finden. Diese Überlieferung ist aber lückenhaft, da wurde viel vernichtet. Dort vorhanden sind auch manche Prozessakten, z.B diejenigen des großen Sammelprozesses gegen die sogenannte Widerstandsgruppe Köngen 1934/35 vor dem OLG Stuttgart mit Urteil vom 2. Februar 1937. Aber viele andere Prozessakten gibt es nicht mehr. Trotzdem danach fragen. Bei einem Besuch alle vorhandenen Infos und Dokumente mitnehmen.
  6. Bei den Gedenkstätten der jeweiligen KZs anfragen, in denen der Betroffene inhaftiert war. Die haben jeweils ein eigenes Archiv und mitunter auch eine online gestellte Häftlingsdatenbank wie das DZOK Ulm. Keine Gedenkstätte gibt es zum KZ Welzheim. Die KZs Heuberg und Gotteszell werden vom DZOK Ulm mitbetreut.
  7. Auch bei der VVN Baden-Württemberg, Geschäftsstelle Stuttgart, kann sich eine Anfrage lohnen. Auch die haben Daten zu ehemaligen Verfolgten des NS-Staats.

Dr. Steffen Seischab berät bei Interesse auch  in Bezug auf die Recherche im Archiv, Mithilfe bei der Formulierung der Ergebnisse bzw.  deren Zusammenstellung in einer vielleicht möglichen Publikation sowie im Umgang mit sensiblen personenbezogenen Daten. Bitte wenden Sie sich hierzu gerne an den Geschichts- und Kulturverein.

sonja.spohn@outlook.de